Häufig wird angenommen, dass der biblische Gebrauch des Begriffes „Prophetie“ sich hauptsächlich darauf beschränkt, bestimmte Ereignisse vorherzusagen. Das ist nicht seine vorrangige Bedeutung. Nur 2% dessen, was in den Propheten nachzulesen ist, handelt vom Kommen des Messias, 5% von zukünftigen Ereignissen, deren Eintreffen noch aussteht. Etwa 8% der Texte behandeln aus der Sicht der Propheten in die Zukunft gerichtete Aussagen an ihre Zeitgenossen, die bereits eingetroffen sind. Der überwiegende Teil der Aussagen der Propheten hat mit der Gegenwart zu tun, in der sie lebten, und schließen jegliche Mitteilungen Gottes ein, die er an sein Volk oder irgendeine andere Nation richtete. Gott sagte zu Abimelech bzgl. Abrahams: „…Er ist ein Prophet, und lass ihn für dich bitten…“ (
1Mo20,7). Aaron wurde der Prophet des Mose genannt (
2Mo7,1). Gottes Kraft kam zu der von ihm bestimmten Zeit über Personen, die nicht als Propheten bekannt waren. Sie prophezeiten dann wie z.B. Saul in
1Sam10,10-11. Elia und Elisa prophezeiten mitten im Abfall Israels von seinem Gott. Nathan oder Joahnnes der Täufer usw. waren ebenso Propheten. Von manchen Propheten sind uns keine Prophetien überliefert während uns von anderen nur das bekannt ist, was sie durch die Inspiration des Heiligen Geistes niedergeschrieben haben. Im NT lesen wir, dass Philippus vier Töchter hatte die weissagten und Agabus sagte
Paulus voraus, dass er in Jerusalem gebunden und den Heiden überliefert werden würde (
Apg21,9-11). Prophetie ist eine wichtige Gabe Gottes an die Gemeinde Jesu (
1Kor14,1-5;
1Kor14,24;
1Kor14,31;
1Kor14,39). In Röm16,26 werden die Schriften des NT „Schriften der Propheten“ genannt und die Gemeinde ist erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten
Eph2,20.
1. Das Licht des prophetischen Wortes Gott hat seine Prohetie in sein Wort gestellt, um uns in der Dunkelheit unseren Weg finden zu lassen. Wie uns der Petrusbrief sagt ist das prophetische Wort eine Lichtquelle in dunklen Zeiten: "Und so besitzen wir das prophetische Wort um so fester, und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint..." (
2Petr1,19) Es ist das einzige Licht, dass Gott den Gläubigen in immer dunkler werdenden Zeiten zur Orientierung gegeben hat. Die Tatsache, dass es so viele falsche Propheten gibt, die durch die Zeiten soviel falsche Prophetie von sich gegeben haben, sei es durch bewusste Irreführung oder durch vorschnelle Deutung von kurzlebigen, tagespolitischen Ereignissen, die in den großen Rahmen biblischer Prophetie gezwungen werden, dürfen uns nicht dazu bringen, "vorsichtshalber" das ganze prophetische Wort zu umgehen und auf Licht und Wegweisung zu verzichten.
2. Wirkungsweise falscher Prophetie Schon zur Zeit des Volkes Israel gab es oft mehr falsche Propheten und damit mehr Pseudo-Prophetie, als echte. Diese wuchs proportional mit dem Ungehorsam Israels gegenüber Gott. Es ist die Strategie des Widersachers durch massenhafte Verbreitung von Lügen-Weissagung die wahre Prophetie zu verdrängen und zu zerstören. Von Ahab, dem König Israels, wird uns berichtet, wie er auf Aufforderung Joschafats, des gottestreuen Königs von Juda, seine 400 (!) Propheten über die vorgesehene Kampfstrategie befragt. Diese redeten ihm nach dem Mund und weissagten ihm das, was er hören wollte, und versicherten ihm, im bevorstehenden Kampf siegreich zu sein. Sie maßten sich an, im Namen Gottes zu reden. Demgegenüber stand Micha, der einsame Prophet Gottes, der den Lügengeist in ihnen entlarvte (
2Chron18,4-27; s.a.
1Kö20). Immer sandte Gott seine Propheten in Zeiten der Finsternis zu seinem Volk, einsame Rufer in der Wüste, Männer, die in der Lage waren, das Licht des Wortes Gottes weiterzugeben. Die Warnung Gottes an sein Volk lautet immer wieder, wie auch das durch Jeremia verkündete Wort: "
Laßt euch von euren Propheten (...) und von euren Wahrsagern nicht täuschen! (...) Denn Lüge weissagen sie euch in meinem Namen; ich habe sie nicht gesandt..." (aus
Jer29,8-10). Von dem verzweifelten Psalmsänger werden weissagungslose Zeiten durchlitten: "Zeichen für uns sehen wir nicht. Kein Prophet ist mehr da, und keiner bei uns ist da, der weiß, bis wann." (
Psalm74,9). Auch
Jesus warnt seine Jünger:
"Hütet euch vor den falschen Propheten" (
Matth7,15). Und weiter heißt es, dass ja gerade
"viele falsche Propheten (...) aufstehen und werden viele verführen" (
Matth24,11).
"Es werden falsche Christi [pseudochristoi = Pseudo-Christusse]
und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun..." (
Matth. 24,24a). Petrus weist ebenfalls in seinem Brief auf diese Tatsache hin, dass unter dem Volk falsche Propheten [pseudoprophetäs = Pseudo-Propheten1] waren,
"...wie auch unter euch falsche Lehrer [pseudodidaskaloi = Pseudo-Lehrer]
sein werden,..." (
2Petr 2,1-3;
1Joh4,1;
Offb19,20) Mit dem Wachsen der Gemeinde Jesu ist auch die massive, zerstörerisch wirkende Lügenmacht des "Durcheinanderbringers" [diabolos] mit auf dem Weg, die sich gegen in der Endzeit noch konzentrieren wird. Sie tritt mit ihrer ganzen pseudochristlichen Ersatzheilslehre auf, um vom echten abzulenken und die Wahrheit zu zerstören. Dieses Wahrheitsssurrogat wird darüberhinaus repräsentiert durch falsche Brüder [pseudadelphoi] (
2Kor11,26); falsche Apostel [pseudapostoloi] (
2Kor11,13) und falsche Zeugen [pseudomartyres] (
Matth26,60).
Jesus warnt davor, sind sie doch keinesfalls auf den ersten Blick zu erkennen. Sie tummeln sich gerade im Einzugsbereich der Gemeinde Jesu angepasst an die Erwartungen der jeweiligen Zeit. Sie sind mitten unter uns denn "
Von uns sind sie ausgegangen" (
1Joh2,19) sagt Johannes in seinem Brief. Daher ist es unerlässlich gegen alle falsche Weissagungen das prophetische Wort umso fester zu besitzen (
2Petr1,19). Von daher kann sich Gemeinde Jesu eine Missachtung des prophetischen Wortes nicht leisten, will sie nicht orientierungslos sein und das Wort Gottes geringschätzen. Es hat daher mit Demut nichts zu tun, von biblischer Prophetie nichts wissen zu wollen und zu meinen, darauf verzichten zu können.
3. Das Wesen biblischer ProphetieWenn wir über biblische Prophetie sprechen, müssen wir uns von dem Verständnis der Wahrsagerei und des Orakelwesens befreien. Mit dem griechischen Begriff ist manchmal auch der griechische Sinn mit in unser Denken übernommen worden (vgl. das Orakel von Delphi).
"Das berühmteste Orakel war das von Delphi.(...) Die Pythia wurde profhetis genannt, trug aber als weiteren Titel auch promantis. Dieses Amt bekleideten ein bis drei Mädchen, die aus der einheimischen Bevölkerung berufen waren. Die Pythia saß auf einem Dreifuß über einenErdspalt, aus dem ein 'mantischer Geist' (pneuma mantikon), ein Rauch aufstieg, der sie inspirierte.(...) Zungenreden ähnlich - aus. Sie wurden auf die Zukunft bezogen, (...) und standen in direktemZusammenhang mit dem Orakelbesucher..." (Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament herausgegeben v. L. Coenen, Studienausgabe 1979 Bd. 2, Theol. Verlag R. Brockhaus, Wuppertal).Apg16,16-18 berichtet von einer Frau der Paulus begegnete, die von einem Wahrsagegeist (wörtlich: einem Pythonsgeist [πνευμα πυθωνος]) besessen war. Pythius ist einer der Namen Apollos, des Gottes der Prophetie.

Bild links:Der Tempel
Tholos der Marmaria im Apollon-Heiligtum in
Delphi,wurde teilweise wieder aufgebaut. Hier machte die Pythia ihre Weissagungen.
Quelle: http://www.pixelquelle.de/Bild rechts:
Schale mit Abbildung der Pythia, die auf einem Dreifuß sitzt. Sie wird von Ägäus konsultiert.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Pythia1.jpgAber
Paulus, wie alle Schreiber des Neuen Testamentes, verwenden den Ausdruck "Prophetie" in der Linie des biblischen Begriffes auf dem Hintergrund des Alten Testamentes. So ist der
Nabi (von Mitteilung machen, deshalb die Bedeutung : Sprecher, Redner (
Wilhelm Gisenius: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch, 17. Auflage 1962, Springer-Verlag Berlin/Göttingen/Heidelberg.], "einer, der etwas hervorsagt") Verkünder göttlicher Offenbarungen. Prophetie ist also zunächst einmal Offenbarung Gottes. Damit ist noch nicht festgemacht, ob sie in die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gerichtet ist. Prophetie ist zuallererst
Wegweisung. Sie ist auch, aber nicht nur, Voraussage zukünftiger Ereignisse. Der Prophet ist der enge Vertraute Gottes, der ihm seine geheimen, zuvor verborgenen Pläne bekannt gibt:
"Denn der Herr, JaHWeH, tut nichts, es sei denn, dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, enthüllt hat." (
Amos3,8). So werden auch
Abraham (
1Mose20,7) und Mose (
5Mose 34,10) Propheten genannt. Durch sie redete Gottes Geist unmittelbar zum Volk. Sie waren Sonderbeauftragte Gottes, seine Treuen, die in enger Verbindung mit ihm standen, diejenigen, die Führerdienste leisteten und immer das Ziel im Auge behielten. Deshalb handelt es sich z. B. bei dem Schöpfungsbericht um rückwärts gerichtete Prophetie. Gott hatte die Schöpfungsereignisse dem Mose, seinem Propheten, mitgeteilt (
5Mo34,10:
Und es stand in Israel kein Prophet mehr auf wie Mose...), geoffenbart, damit er sie aufschreiben konnte, wie es für ihn zweifellos aus eigenem Erleben auch gar nicht möglich gewesen wäre. Genauso war es dem Mose gegeben, die ganze Fülle der in die Zukunft gerichteten Prophetie weiterzugeben, z. B. in bezug auf den Messias.
5Mo18,18: "Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde." Den Emmaus-Jüngern erklärte
Jesus von Mose und von allen Propheten anfangend in allen Schriften das, was ihn betraf (
Lk24,27). Auch die Zukunft des Volkes Israel durch Gericht und Gnade finden wir bei Mose vorausgeschaut (
3Mo26,33 u. 44):
"Euch aber werde ich unter die Nationen zerstreuen, und ich werde das Schwert hinter euch herziehen. Euer Land wird eine Öde und eure Städte werden eine Trümmerstätte sein. Aber selbst auch dann, wenn sie in dem Land ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht verwerfen und sie nicht verabscheuen, ein Ende mit ihnen zu machen, meinen Bund mit ihnen ungültig zu machen; denn ich bin der HERR, ihr Gott. Die samaritische Frau am Jakobsbrunnen erkennt, dass
Jesus ein Prophet ist, nachdem er ihr ihre vergangenen und gegenwärtigen Lebensverhältnisse mit sechs Liebhabern offengelegt hat (
Joh 4,19). Sein Wort bricht hier behutsam die schuldverkrustete Persönlichkeit seines Gegenübers auf. Auch das ist ein wesentliches Merkmal, eine Wirkungsweise des prophetischen Wortes, zu überführen, Licht in die dunklen Ecken unseres Lebens zu bringen und lösungschaffend, zurechtzuweisen. Das Wesen der Prophetie ist also nicht das Orakeln in eine ungewisse Zukunft hinein, und hier setzt sich die neutestamentliche Linie fort, sondern das Verkündigen zielgerichteter Wegweisung Gottes um zuallererst einmal Licht zu geben für die Gegenwart. Auch der eschatologische Teil in den prophetischen Aussagen der Bibel hat nicht den Zweck, menschliche Neugierde zu wecken und zu befriedigen. Prophetie dient immer den Empfängern dieser Rede dazu, Korrektur zu erfahren und das Ziel im Auge zu behalten oder in den Blick zurückzugewinnen
"Und der Herr hatte Israel und Juda durch alle Propheten [und] jeden Seher gewarnt..." (
2Kön 17,13), wenn sie dieses Ziel aus den Augen verloren hatten, und sich auf falschen Wegen befanden. Auch
Daniel bekennt in dem Gebet in
Dan9,5 die Sünde des Volkes, unter die er sich mitstellt und benennt die Ursache der Sünde und des gottlosen Handelns auf allen falschen Wege:
"Und wir haben nicht auf deine Knechte, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen, unseren Obersten und unseren Vätern und zum ganzen Volk des Landes geredet haben." (Dan9,6) Vorrangig war und ist also Prophetie darauf angelegt, mit ihren vergangenheits- oder zukunftsbezogenen Aussagen in die Gegenwart gerichtet zu sein, um einen Wandel und eine Umkehr der sie betreffenden Menschen und ihrer bisherigen falschen Wege anzumahnen und herbeizuführen. Auch die in die Zukunft gerichtete Prophetie ist bestimmt für die Gegenwart der Menschen, die in den dann vorausgesagten Ereignissen leben. Die Konturen prophetischer Vorausschau werden mit der zeitlich geringer werdenden Distanz immer schärfer, so dass sie sich in unmittelbarer Erfüllungsnähe immer deutlicher abzeichnen.
Daniel wurden die ihm geoffenbarten, zukünftigen Geschehnisse von Gott anvertraut mit der Auflage, diese unter Verschluss zu halten: "Und du,
Daniel, halte die Worte geheim und versiegle das Buch
bis zur Zeit des Endes!" (
Dan12,4). Hier handelt es sich also um Aussagen und Deutungen zukünftiger Geschehnisse, die dem
Daniel für spätere Generationen gezeigt wurden, um in den dann ablaufenden Vorkommnissen Wegweisung und Licht in finsteren Zeiten zu haben (
2Petr 1,19). Genauso bereitet
Jesus seine Jünger auf Zukünftiges mit dem Ziel vor, damit sie die dann anlaufenden Ereignisse einordnen und zu deuten vermögen um erkennen zu können,
"dass es nahe an der Tür ist." (
Matth24,33), So antwortet
Jesus auf die Frage der Jünger (am Anfang des gleichen Kapitels), was denn das Zeichen der Ankunft und der Vollendung der Zeitalter sei.
3. Zusammenfassung Göttliche Prophetie zielt also darauf ab seine Kinder dann, wenn es geschieht, wissen zu lassen, dass die Erfüllung kurz bevorsteht. Es will sie nicht vorbereiten auf ein bestimmtes Datum sondern auf die Wiederkunft Jesu Christi. Zwar kommt dieser Tag wie ein Dieb in der Nacht (
1Thess5,2). Das gilt allerdings für die, die von Gott nichts wissen wollen und in den Tag hinein leben.
"Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife;" (
1Thess5,4; vgl.
Matth24,48-50).
Paulus ermahnt die Thessalonicher, gerade so zu leben, dass sie dieser Tag
nicht wie ein Dieb überrascht
"denn Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Erlangen des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus," (
1Thess5,9). Dabei ist das prophetische Wort unverzichtbar dass uns nicht helfen will, Termine zu errechnen, wohl aber in nüchterner Weise die dichter werdende endzeitliche Großwetterlage zu bestimmen und zu beurteilen. Die ein messianisches Zeichen fordernden Pharisäer und Sadduzäer vermochten die heilsgeschichtliche Situation ihrer Zeit nicht zu erkennen (
Matth16,1-3). Sie waren dem unübersehbaren Messiaswirken als auch der alttestamentlichen Prophetie gegenüber verhärtet und verschlossen, weil sie dem Wort nicht glaubten (
Joh5,39;
Joh5,47). Nur wer in der Lage ist, die Zeit nach ihrem Charakter und ihrem Wesen zu durchschauen, und das ist nur geistgeführt durch das prophetische Wort Gottes möglich, der kann sich auch nur in dieser Zeit richtig, d.h. dem Wort Gottes gemäß, verhalten.
(Alle wrtl. zitierten Bibelstellen sind nach der Elberfelder Übersetzung wiedergegeben)Weblinks Prophetie wird Geschichte
http://www.einzigartiges-israel.de/bibel/62_proph.htmHermann Zaiss: ISRAEL - Erlebte Prophetien
http://www.bibel-wissen.de/pn62/index.php?name=Sections&req=viewarticle&artid=40&allpages=1&theme=Printer&POSTNUKESID=8f908e690006b1190db30b548f1077a8